LIBYEN - TIBESTI - EXPEDITION
Ich sehe im Rückspiegel Fernlicht, unser vereinbartes
Zeichen, falls einer von uns eine Panne hat oder im
Sand festsitzt. Ich fahre zurück. Es ist Hans,
der sich bis zu den Achsen im weichen Sand festgefahren
hat. Er hat schon versucht sich selbst wieder zu befreien.
Vorwärts - rückwärts, vorwärts
- rückwärts, aber er sitzt hoffnungslos
fest. Nichts geht mehr. Schnell ist der Haken der
Seilwinde eingehängt und kurz darauf ist der
Wagen wieder frei. Es kann weitergehen.
Wir haben bisher alles
gut überstanden. In Tunis angekommen brauchten
wir nur drei Tage um auf der
Teerstraße
über Gabès und Tripolis nach Zilla zu
gelangen. Hier endet für uns die Teerstraße
und das Abenteuer Sahara kann beginnen. Unser nächstes
Ziel ist Tazurbo, das wir auf der weiten Reg- und
Sandebene auch problemlos erreichen. Wir hoffen hier
Treibstoff zu bekommen, da es am eigentlichen Ausgangspunkt
unserer Reise ins Tibesti, in Rabianah, immer etwas
kritisch ist mit der Dieselversorgung. Doch wir werden
nicht fündig - die Tankstelle ist trocken und
auf dem Schwarzmarkt wollen wir uns nicht eindecken.
Das können wir in Rabianah immer noch tun, falls
es dort auch kein Diesel gibt. Also raus aus Tazurbo,
bevor uns die Behörden entdecken und wir wieder
aufgehalten werden mit unnötigem Papierkram.
Wir fahren weiter auf
einer riesigen Sandebene südöstlich Richtung
"Rabianah Sand Sea", wie dieses riesige
Sandmeer genannt wird. Wir wollen die mitten in diesem
Dünenmeer gelegene verlassene Oase Bazimah besuchen.
Sie liegt am Rande eines früher sehr großen
Salzsees, der heute auch noch Wasser führt, allerdings
nicht mehr in diesem Ausmaß. Eigentlich ist
es schon eine Salzlake der Farbe rosa, weiß
und etwas blauschimmrig, dort wo es tiefer ist. Gebilde
von Salz, ähnlich unserer Eiszapfen, hängen
am den See umgebenden Schilfgürtel. Ein hohes
steil aufragendes Gebirge, das von weitem schon zu
sehen ist und als Wegweiser dient, begrenzt den Salzsee
auf der anderen Seite.
Verlassene
Lehm- und auch Steingebäude, ein fast gänzlich
verbrannter Palmenhain und verwilderte Gärten
sind als Rest der ehemals bewohnten Oase zurückgeblieben.
Nun nehmen wir unsere
GPS-Geräte zu Hilfe, die uns das Navigieren im
Gegensatz zu früher enorm erleichtern, um unser
nächstes Ziel, die ebenfalls an einem ehemaligen
Salzsee gelegene Oase Rabianah anzufahren. Ein wunderbares
Auf und Ab in den herrlichen Dünen bringt uns
unglaublichen Fahrspaß. Nach ca. 80 Kilometern
erreichen wir die Oase und fahren gleich zu unserem
Freund Abderazag, der schon auf uns wartet. Wir haben
unsere vorher angekündigte Ankunft nur um einen
Tag verfehlt. Das ist aber kein Problem, denn die
Zeit spielt hier keine große Rolle. Es hat sich
seit unserem letzten Besuch hier auch nichts verändert,
außer, dass es jetzt im Oktober viel heißer
ist als im Februar, als wir das letzte Mal hier waren.
Nach
großem Hallo und Erkundigungen wie es denn der
Familie und den anderen Freunden geht, will ich gleich
wissen, ob unser Spritlager, das wir im Februar angelegt
haben, auch aufgefüllt worden ist. Denn Diesel
ist für uns jetzt das große Thema. Auf
einer Pilottour ein paar Monate zuvor waren wir schon
weit in das Gebiet des Tibesti bis zur Tschadgrenze
vorgedrungen und wollen nun noch mehr von diesem unbeschreiblich
schönen und äußerst einsamen Gebiet
erforschen. Von Rabianah ins Tibesti und weiter zurück
nach Norden haben wir eine Strecke ausgekundschaftet,
bei der wir über 2500 Kilometer überbrücken
müssen ohne unterwegs irgendwo Treibstoff finden
zu können. Sprit ist da. Unser Freund hat, als
der Tanklaster mal hier war um die Tankstelle zu versorgen,
sofort einen Großeinkauf getätigt, bevor
die kostbare Flüssigkeit wieder ausverkauft war.
Unserer eigentlichen "Expedition" steht
nun nichts mehr im Weg. Wir wollen wieder in den nordöstlichen
Ausläufer des Tibesti-Gebirges, den man auch
Dohone nennt - und der Weg dorthin ist weit.
Nachdem am nächsten
Morgen unsere Tanks aufgefüllt sind und die Spritfässer
auf den Toyota Pickup, mit dem uns Abderazag begleitet,
aufgeladen sind und wir dem Militär unser Vorhaben
bekanntgegeben haben, geht's los Richtung Süden.
Erstmal müssen wir weiter durch den Erg, was
uns aber keine Schwierigkeiten macht, da wir bis auf
einige Dünenüberquerungen meistens in den
breiten Dünentälern, in den sogenannten
Gassis, fahren können. Wir erreichen den Brunnen
von Hosenofou oder Assenou. Dieser Brunnen war einer
der wenigen und wichtigen auf dem ehemaligen Karawanenweg
von Kufra nach Aozou im Tschad. Aber wie bei vielen
Brunnen liegt hier nur Unrat und Schrott in der Umgebung.
Glücklicherweise sind wir auf das Wasser nicht
angewiesen, wir haben ausreichend dabei. Schade, dass
man einen eigentlich so geschichtsträchtigen
Platz so vergammeln lässt! Von hier aus sehen
wir schon die Felsen von Baarso, die uns das Ende
der Dünen ankündigen.
Wir leeren 2 Fässer
Diesel in unsere Tanks, denn die Fahrt im tiefen Sand
hat uns viel Sprit gekostet und Abderazag ist auch
froh, dass sein Pickup jetzt leichter ist. Die Landschaft
wird flach und wir kommen gut voran. Das Tibesti ist
aber lange noch nicht in Sicht. Der Djebel Youndo
und der Djebel Bab versperren uns noch die Sicht.
Zwischen den beiden Gebirgen müssen wir durch.
Ein steiler sandiger Pass
macht Abderazag Probleme, doch mit abermals herabgesenktem
Luftdruck schafft er es dann doch. Nun habe ich Probleme,
denn die großen scharfkantigen Steine, die wir
leider nicht umfahren können, zerschlitzen einen
Reifen. Übrigens nicht der letzte auf unserer
Reise, es sollten noch mehrere werden.
Nachdem wir die beiden
Djebel überquert haben, fahren wir in eine große
Senke, die früher einmal einen See beherbergt
hat. Tatsächlich finden wir an dessen "Ufern"
Reste einer vergangenen Epoche, Reibschalen, Läufersteine,
Pfeilspitzen und anderes Steinwerkzeug. Es ist immer
wieder erhebend, an solchen Orten zu stehen, wo vor
ca. 8000 Jahren Menschen gelebt haben. Warum sie hier
ihre Werkzeuge und auch manchmal ihren Schmuck zurückgelassen
haben ist auch Wissenschaftlern nicht genau bekannt.
Auf jeden Fall freuen wir uns immer wieder, wenn wir
solche Plätze finden.
Nun sehen wir schon das
mächtige, schwarze Tibesti in der Ferne vor uns.
Es ist ein gigantischer Anblick! Beinahe drohend ragen
die Felsspitzen in den Himmel, vielleicht um uns zu
sagen, dass sie stärker sind als wir, womit sie
auch Recht haben. Doch das Gebirge verschwindet langsam
in einem Sanddunst. Die Hitze wird drückend,
ein Sandsturm kündigt sich an. Eine erschreckende
Stille lastet über der Wüste. Plötzlich
sehen wir in der Ferne eine dichte, rote, sich auf
uns zubewegende Wand aus Sand, hinter der die Sonnenscheibe
nur noch als milchiges rundes Gebilde zu sehen ist.
Wir müssen jetzt Schutz suchen. Zum Glück
sind wir schon in der Nähe des Gebirges und finden
auch bald eine Höhle, in die wir uns verkriechen
können. Die Autos können wir ebenfalls zwischen
den Felsen gut vor dem Sandsturm schützen. Gerade
noch rechtzeitig, denn schon braust es los.
Die ganze Nacht verbringen
wir in der Höhle. Erst gegen Sonnenaufgang legt
sich der Sturm. Die Übermüdung nach dieser
schlaflosen Nacht, der Sandsturm und die mit Elektrizität
geladene Luft haben unsere Nerven sehr strapaziert.
Abderazag schwenkt die kleinen Teegläser mit
Wasser aus, die er dann gleichmäßig vor
sich ordnet, bereitet die beiden Teekannen vor, bricht
den Zucker. Dieses Ritual findet wohl um die gleiche
Stunde an allen Plätzen der Sahara statt. Bald
darauf sind wir alle wieder guter Laune und können
unsere Reise fortsetzen.
Wir
erreichen das breite und mit zahllosen Akazien bestandene
Wadi Lori und die ersten Sandsteinformationen. Hier
schlagen wir erst mal unser Lager auf und wollen die
Gegend erkunden. Schon bald werden wir fündig.
An den Überhängen der Felsen sehen wir interessante
Felsmalereien aus dem Neolithikum und vor den sogenannten
Arbri's auch wieder Gegenstände der früheren
Bewohner, Pfeilspitzen, Reibsteine und Reibschalen.
Es ist ein schöner Platz, hoch über dem
Wadi. Mit einer hervorragenden Weitsicht konnten die
Menschen damals die tierreiche savannenartige Landschaft
gut überblicken. Auch Abderazag schaut ins Wadi
hinunter, erblickt eine Gazelle, rennt zu seinem Toyota
und braust los. Er will sie jagen. Die Menschen in
der Sahara sind wild auf Gazellenfleisch und töten
gnadenlos jedes Tier, das sie erwischen können.
Neben dem immer häufigeren Ausbleiben der Regenfälle
ist dies ein Hauptgrund dafür, dass diese graziösen
Tiere nur noch sehr selten in der Sahara zu sehen
sind.
Wir folgen am nächsten
Tag dem Lauf des Wadi Lori bis hin zum Ostrand des
Tibesti. Das Wadi kommt aus dem Gebirge und wir folgen
ihm bis zu einer ehemaligen Siedlung, die Tuzugu genannt
wird, was soviel heißt wie "Versteck".
Dieses kleine Dorf, von dem noch einige Hütten
stehen geblieben sind und noch jede Menge Haushaltsgerät
herumliegt, ist wirklich gut versteckt. Haben sich
hier die Menschen vor den Menschen versteckt oder
vor den damals noch zahlreich vorkommenden wilden
Tieren? Wir folgen dem Wadi zu Fuß, da wir mit
den Fahrzeugen wegen der gigantischen Felsbrocken,
die jetzt im Wadi liegen nicht mehr weiterfahren können.
Der ehemalige Fluss verengt sich und wird zur Schlucht.
Unzählige Spuren von Mufflons, Füchsen und
Schakalen haben sich im Sand abgedrückt. Nach
2 Stunden kehren wir zurück, es ist kein Ende
des Wadis zu erahnen.
Durch
wild zerklüftete Sandsteinfelsen suchen wir uns
einen Weg nach Süden, wir wollen zu den zwei
markanten, vorgelagerten Bergen Ehi Drussu. Mächtig
stehen sie da und zeigen uns die Einfahrt ins Gebirge.
Wir haben die Wahl, zwei Wadi's führen nach Westen
ins Massiv. Wir entscheiden uns für das Lori
Drussu. Zwanzig Kilometer folgen wir ihm, bis wir
auch hier nur noch zu Fuß weiterkommen. Akazien,
Oleander und ein Baum dessen Namen ich nicht kenne,
aus dessen Blättern die Tubu aber einen Sud zubereiten,
der gegen Rheuma hilft, säumen das Wadi. Auch
hier wieder zahlreiche Tierspuren im Sand. Wir erleben
hier eine Landschaft, die ich auch in über 20
Jahren Saharareisen noch nicht in dieser Konzentration
gesehen habe. Uns bleibt allen der Atem weg, wir können
nur wortlos staunen und die Großartigkeit der
Natur bewundern.
Wir fahren weiter von
Wadi zu Wadi nach Süden. Heute will uns Abderazag
das Versteck der ehemaligen Freiheitskämpfer
des Tschad zeigen. Wir dringen wieder ins Innere des
Tibesti vor. Über zehn Kilometer folgen wir wieder
einem ausgetrockneten Flusslauf, der in einem großen
breiten Tal, Adgma genannt, endet. Hier war während
der späten 60er Jahre das Camp der Rebellen.
Viele leere Konservendosen, Munitionskisten, Medikamentenkisten,
alles türkischer Herkunft, liegen herum. Auch
Landroverteile finden wir. Wir erklimmen einen Felskamin
und stehen in der Höhle des Kommandanten. Es
sind noch ein Eisengestellbett und einiger Hausrat
in der sehr geschützten Felsbehausung.
Wir haben nun schon 600
Kilometer seit Rabianah hinter uns, und es wird Zeit
unser Spritlager aufzusuchen, das wir bei der letzten
Fahrt angelegt haben. Kurz vor der Grenze zum Tschad
haben wir einige Fässer Diesel in einer Felshöhle
versteckt. Die Höhle ist übersät mit
Felsmalereien von Kriegern, die mit Lanzen und Schildern
bewaffnet sind. Hoffentlich haben sie gut über
unsere Vorräte gewacht... Doch unser Erstauen
ist groß, als wir uns den Felsen nähern:
unsere Höhle ist bewohnt!!
Es
hat vor zwei Monaten geregnet, und die Gegend ringsum
blüht und ist mit den vielfältigsten Pflanzen
und Gräsern übersät. Eine Nomadenfamilie
aus dem Tschad ist hierher gekommen in das prächtige
Weideland. Abderazag hat das bei einem Gespräch
mit ihnen herausgefunden. Er spricht die Tubusprache
und erfährt auch sonst noch einige Neuigkeiten
aus dem Tschad. Gottseidank, die Kamele und Esel der
Nomaden mögen kein Diesel, und deshalb ist auch
unser Vorrat noch da. Wir füllen unsere Tanks
auf und verabschieden uns von der Familie, nachdem
wir ihnen reichlich von unseren Lebensmitteln und
Kleidern gegeben haben.
Jetzt wollen wir, bevor
wir das Tal von Thon besuchen, einen Fuß auf
tschadisches Gebiet setzten. Eine kaum zu erkennende
Eisenstange auf einem Hügel und eine kleine aufgestellte
Felsplatte markieren die Grenze. Abderazag meint zwar,
die Grenze sei viel weiter südlich, doch meine
Militärkarten sagen mir etwas anderes. Wir können
uns zwar nicht vorstellen in dieser Gegend einer Grenzpatrouille
zu begegnen, denn hier gibt es nichts zu überwachen,
aber wir wollen nicht zu illegalen Einwanderern werden.
Das Tal von Thon, das wir erreichen, nachdem wir dem
gleichnamigen Wadi gefolgt sind, kann ich nur mit
dem Wort "Paradies" beschreiben. Das Wadi
führt durch einen Irrgarten von Nadelfelsen und
Sandsteingebilden, die wie Burgen und Festungen über
dem Wadi thronen. Plötzlich öffnet es sich
zu einem gigantischen Tal mit rotem Sand. Auch hier
hat es vor kurzem geregnet und im Fluss sind noch
einige Stellen wo sich das Wasser gehalten hat. Ringsherum
ist alles grün. Wir halten uns hier für
zwei Tage auf, um das, was wir hier sehen, in Ruhe
aufnehmen zu können. Bei unseren Spaziergängen
im Tal und in den Felsen haben wir ein gut geschütztes
Guelta gefunden, das voll von klarem, gutem Trinkwasser
ist. Wir füllen hier unsere Wasservorräte
auf. Auch hier im Tal finden wir wieder Felszeichnungen
aus der Steinzeit und ebenso Werkzeuge der Neolithiker.
Ein ehemaliges Dorf, das bis 1963 bewohnt war, steht
auch noch ziemlich gut erhalten am Rande des akazienbestandenen
Flusses. Im Inneren der Strohhütten findet sich
allerlei Hausgerät, schön geflochtene Körbe,
Petroleumlampen und auch viel Unrat.
In einer Höhle, zu
der wir etwa zehn Meter in die Felsen aufgestiegen
sind, finden wir ein Versteck. Abderazag meint, ein
tschadischer Rebell könnte sich hier vor einer
Verfolgung geschützt haben. An Holzpfählen,
die in den Felsspalten verankert sind, hängen
zerschlissene Stoffsäcke, die wir öffnen.
Allerlei Kochgeschirr, Tierfallen, Seile, Kleidungsstücke,
Lederwaren, verdorbene Lebensmittelvorräte kommen
zum Vorschein. Die Sachen müssen schon eine halbe
Ewigkeit hier lagern, denn sie sind schon sehr mürbe
und brüchig. In einem Sack finden wir etwa 10
Kilo Maschinengewehrmunition mit russischer Aufschrift
und der Jahreszahl 1942. Warum wohl ist der Besitzer
nicht mehr hierher zurückgekehrt um seine Sachen
zu holen? Es wird für uns ein Rätsel bleiben.
Nach zwei traumhaften
Tagen, die wir in "unserem" paradiesischen
Tal des Wadi Thon verbracht haben, machen wir uns
wieder auf die Rückreise nach Norden. Noch weit
über 2000 Kilometer beinahe unberührter
Natur liegen noch vor uns, bevor wir wieder die Zivilisation
erreichen. Als Nächstes wollen wir zum Berg der
Edelsteine, den Djebel Zuma. Hier wurden schon zur
Garamantenzeit türkisfarbene Amazoniten gefunden.
Aber das ist eine neue Geschichte..............
Text und Fotos Helmut Arzmüller